Scheitern als Chance?

9. Fränkische Schweiz - Marathon

Günter, Birgit, Jochen

Hallo Adrenalinjunkies,

„Perfekt war gestern!“, und heute ist alles anders. Wie ging noch dieser eine schlaue Spruch auf einem meiner Verkaufsschulungen? „Wenn Du immer das gleiche machst, bekommst Du auch immer die gleichen Ergebnisse!“

 

Diesmal ist wirklich alles anders. Keine Regenerationsphase. Ich stehe voll im Training. Gestern spät ins Bett. „Ob das was wird?“ Es nieselt leicht als ich nach Ebermannstadt fahre. Bei der Startnummernausgabe ist nicht mehr viel los. Die waren wohl alle schon gestern da. An der Nachmeldeschlange sehe ich ein bekanntes Gesicht – „Hans-Peter!“ mein Banknachbar aus der Grundschule. Über 30 Jahre nicht gesehen – „bin ich schon so alt?“ Er war der klassische Pedant und Streber. Alles musste bei ihm immer ganz genau sein. Mister 100% eben. Die Zeit vergeht beim Small-Talk. Auf dem Weg zum Bus, im Bus und auf dem Weg zur Kleiderabgabe. Er erzählt über seine Karriere, sein Leben. Ich sehe auf die Uhr. Oje, verquasselt. „Sorry, ich muss noch Warmlaufen.“ „Warmlaufen? Wieso?“, meint Hans-Peter. Und er erzählt mir seine Theorie über das „unperfekt sein“. Scheidung und Kündigung. Dann einfach drauf losgemacht. Ab in die Turnschuhe und den Frust weglaufen. Laufschuhe wozu? „Früher gab es auch nicht tausend verschiedene Varianten von Laufschuhen!“ Einfach ohne zu denken. Einfach so! Ohne Konzentration? Ohne Präzision? Ohne Planung? Unperfekt eben.

 

Dann dreht er sich zur Seite und beginnt sein Dehnprogramm. Es sieht ein bisschen so aus wie „Die Schwingen des Kranichs bei Sonnenaufgang“, aber eben unperfekt. Der Rücken krumm, sein Oberkörper fällt fast hintenüber und die Beine sind eingeknickt. „Probier´s doch auch mal!“, ruft er, als er mich bei meiner Beinstreckübung sieht. „Du stehst zu gerade.“ Auweia, ist der abgedreht, denke ich mir. Langsam wird es Zeit zum Start zu gehen. „Servus Hans-Peter!“

Viele bekannte Gesichter reihen sich in der Startaufstellung ein. Alfred, Günter, Elke, Thomas und Erwin. Erwins Dehnprogramm sieht da schon ganz anders aus. ROSA B. nennt es sich. Wir reihen uns ein, der Startschuss – es geht los!Während ich so dahin laufe, drehen sich meine Gedanken im Kreis. „Unperfekt?“ Ich hatte mir gestern am Abend schon alles zu Recht gelegt. Shirt, Hose, Uhr usw. Danach bin ich meine Checkliste durchgegangen, ob auch nichts fehlt.

Es läuft gut. Das Wetter ist optimal. Ich liege auf einem 3 Std. Kurs, denn ich wohl bis zum Wendepunkt halten werde. Was macht wohl Hans-Peter? Läuft er Schlangenlinien? Was sagte er noch gleich? „Mach es falsch! Einfach so! Verstehst Du? (Nein, eigentlich nicht!) Überall musst du perfekt sein. Am Arbeitsplatz, zu Hause und in der Freizeit. Dieser ganze Mist über Selbstmanagement. Ich mach das schon lange nicht mehr mit. Das 1x1 des Zeitmanagements, das perfekte Büro, die optimale Ernährung und natürlich perfektes Lauftraining. Verstehst du jetzt?“ Nein, ich verstand es nicht.

Kurz nach dem Wendepunkt läuft Alfred zu mir auf. Das gibt mir neuen Schwung und wir laufen die nächsten Kilometer zusammen. Wir witzeln und haben Spaß. Dabei überholen wir Läufer um Läufer. Die Strecke macht eine S-Kurve. Wir laufen die Ideallinie. Was wird Hans-Peter wohl machen? Läuft er die Kurven aus?

 

 

Die Samba-Truppe und Dieter, der mir entgegen stürmt geben mir in Streitberg weiter Auftrieb. Meine Schwächephase habe ich überwunden. Alfred hat sich von mir abgesetzt. Es folgen noch zwei schwierige Anstiege. Die Härteprüfung kommt bei Gasseldorf, KM 40. Ich ziehe mein Tempo an. Da vorne kommt schon das Ziel in Sicht. Ich gebe noch einmal Gas, breite die Arme zum Flieger aus, laufe Schlangenlinien, klatsche die Zuschauer ab und freue mich auf ein Maisel Weizen. Ich überquere die Ziellinie und gehe zur Seite. Nein, ich bleibe nicht stehen! Ich überhole auch nicht im Zielkanal. Eben richtig. Zwar nicht perfekt, aber richtig. Genau! Entweder ich mach etwas richtig oder gar nicht!

Run happy and smile!

 

 

 

Copyright © Jochen Brosig

Röttenbach, den 7.September 2008

 

 

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