Lauter Irre im Regen

 

    Samstag. Wochenende. Ausschlafen. Ruhe. Faulenzen. So stelle ich mir das vor. Aber gestern war alles anders. Aufstehen – Einkaufen - Frühstücken. Das letzte Butterhörnchen noch kauend zum Auto gehetzt. Ab die Post mit Jonas zum Fußballtraining. Gerade wieder zurück die Sporttasche gepackt und auf nach Forchheim zum Nikolauslauf. Die guten Wünsche von Gudrun für den Lauf noch im Ohr: „Da hast Du Dich ja wieder prima abgeseilt. Den Lauf hättest Du ausfallen lassen sollen.“ Denn am Sonntag bekommen wir Gäste, da gibt es einiges zu tun. Es stimmt eben doch, Läufer sind egoistisch.
Aber es ist doch so: Einfach nur so rumzujoggen ist doch zu banal, für uns Läufer muss es noch Ziele geben. Da kommt so ein 10 KM-Lauf gerade recht. Meine Gedanken kreisen hin und her. Lauf, Jochen, immer weiterlaufen. Nicht nachdenken. Es ist kalt. Wind und Regen peitschen ins Gesicht. Jeder zweite Schritt landet in einer tiefen Pfütze. Oder ich rutsche im schlammigen Boden aus. Meine neuen Laufschuhe waren am Start noch weiß. Diese Treter aus Fortschrittsfaser, die nicht einmal wasserdicht sind, haben mittlerweile eine dunkelbraungraue Farbe angenommen. Eben als käme ich direkt aus einer Jauchegrube. Eine Radfahrerin hat sich auf die Wettkampfrunde verirrt. Sie guckt, als wollte sie sagen: „Ihr habt sie doch nicht alle!“
Genau, holt die Polizei und bringt Zwangsjacken mit, das Bezirkskrankenhaus hatte einen Massenausbruch. Da laufen hunderte von Irren im Regen. Ich quäl mich. Die nassen Kunstfasern kleben luftdicht am Körper. Von wegen, die Feuchtigkeit wird ausschließlich von innen nach außen transportiert. Das Gegenteil ist der Fall. Mir ist kalt. Ich bin erschöpft. Mir ist schlecht. Ich kann nicht mehr. Schlamm spritzt mir ins Gesicht. Mein Vordermann macht es sichtlich Spaß, keine Pfütze auszulassen. Jetzt reicht´s, ich muss vorbei.
Fast im Ziel. Lauf, Jochen, du musst laufen. Die Lunge reißt. Sie ist diese übermenschliche Belastung nicht mehr gewohnt. Das viele langsame Joggen durch den Blätterwald. Ich bin zu schnell. Mein Urschrei lässt wieder Adrenalin einschießen. Der Turbo zündet. Noch  ein Kilometer. Meine Beine werden schwer. Meine Beine? Was ist eigentlich mit meinem rechten Knie? Da hatte ich doch die letzten Wochen Probleme. Ach, du Schreck, völlig vergessen. Ich spüre ins Knie. Nichts! Ich fühle genauer. Gar nichts. Alles läuft wie ein schweizer Uhrwerk. Spitzkehre. Laufen lassen. Noch 200 Meter. ZIEL!
Mensch Jochen, du bist schon ein harter Bursche. Training bei Wind und Wetter. Wettkampf bei absolutem Sauwetter, du beißt dich durch und gibst alles. Bruce Willis und Sylvester Stallone sind Weicheier gegen dich. „Und wie war´s?“, fragt Gudrun. „Nass!“, erwidere ich kurz. „Das habe ich dir doch gleich gesagt. Ihr Läufer habt sie doch nicht alle!“

Copyright © Jochen Brosig

Röttenbach, den 6.Dezember 2008