zurück

Marathonlaufen in der Wüste

 

Internationaler Wüstenmarathon

Wahiba Sands, Oman

4. November 2011

Warum ein Marathon in der Wüste?

In der heimischen Laufszene gelten Wettkämpfe, in den Sommermonaten bei Temperaturen über 20 Grad als äußerst unbeliebt, zumal die Ergebnisse aufgrund der höheren Belastung generell schlechter ausfallen. Warum wollte ich die Marathondistanz auf schlüpfrigem Untergrund bei extremer Hitze absolvieren? An dieser Stelle führen Läufer meist Argumente an, wie die Suche nach der Herausforderung, nach dem Lauferlebnis besonderer Art und nach der Abwechslung vom regionalen Wettkampfgeschehen. All diese Argumente trafen auch auf meinen Entschluss zu, am Internationalen Marathon in der Wueste Wahiba Sands, Oman teilzunehmen.

Der Reiseplan sah vor, dass der Lauf am vierten Tag nach Eintreffen im Oman stattfinden sollte und im Anschluss Wüstenwanderungen, Ausflüge und auch der verdiente Badeurlaub folgen sollten.

Am Tag der Ankunft in Maskat, der Landeshauptstadt, regnete es leicht. Dazu muss man wissen, dass es im Oman durchschnittlich 5 bis 6 mal im Jahr regnet. Am Tag vor der Abreise ins Wüstencamp gab es starke Regenschauer mit Unwetter, was zu Überschwemmungen in der Hauptstadt führte. Die Fotos in den Zeitungen zeigten schwimmende, ineinander verkeilte Fahrzeuge, ein evakuiertes Krankenhaus und weitere Zerstörungen. Für kurze Zeit stand unsere Unternehmung in Frage, weil einige Wadis, die wir auf unserer Anreiste ins Camp durchqueren mussten, angeblich unpassierbar seien.

Die Regierungsform des Oman ist eine absolutistische Monarchie. Der amtierende Sultan regiert sein 1970, nachdem er seinen Vater gestürzt hat. Er hat das Land durch immense Investitionen in die Infrastruktur in die Neuzeit geführt, wofür ihm die Bevölkerung sehr dankbar ist. Haupterwerbsquellen sind Erdöl und Erdgas. Zu den traditionellen Exportgütern gehören Datteln und Weihrauch. Der Oman hat ca. 2,7 Millionen Einwohner, davon sind 30% Gastarbeiter z.B. aus Indien, von den Philipinen oder aus Indonesien. Die Religion des Oman ist der Islam. Im Vergleich zu anderen arabischen Ländern sind Frauen hier weitaus emanzipierter, sind berufstätig, können z.B. Wehrdienst leisten oder als Polizistinnen arbeiten. Die Landeswährung ist Rial (1 Rial entspricht derzeit ca. € 1,88).

Im Oman gibt es mittlerweile auch Laufveranstaltungen, weitaus üblicher sind aber Kamelrennen: ein gutes Rennkamel kann bis zu € 700.000,- kosten.

Glücklicherweise konnten wir  wie geplant unsere Reise ins ca. 200 km entfernte Wüstencamp Wahiba Sands aufnehmen. Zuerst ging es 150 km mit dem Reisebus, dann stiegen wir in 10 Jeeps um, um den Rest der Strecke auf der Sandpiste zu fahren. Die Fahrt in den Jeeps hob unsere Stimmung sichtlich. Besonderen Spaß hatten allerdings die Fahrer, die sich, nachdem wir ausgestiegen waren, einen Spaß daraus machten, die steilen Dünen so weit es ging nach oben zu fahren. Mit jedem Versuch wurden sie besser. 

Das Camp hatte ich mir viel spartanischer vorgestellt. Insgesamt waren es ca. 20 fest installierte Zelte und auch kleine Häuser, mit je 2 komfortablen Betten. Zu jedem Zelt gehörte ein Waschhäuschen mit WC, Dusche und Waschbecken, mit kaltem Wasser versteht sich sowie einem Spiegel aber ohne Dach und so konnte man nachts beim Zähneputzen den Sternenhimmel bewundern. Elektrizität war nicht vorhanden, insofern gehörte eine  Taschenlampe zur Grundausstattung. Weitere Errungenschaften der westlichen Zivilisation wie Mobilfunknetze waren nur bedingt erreichbar. Auch auf einen Internetanschluss musste ich verzichten, ebenso auf mein abendliches Bier, da es keinerlei Alkohol im Camp gab. Attraktionen waren stattdessen allerhand nächtliche Geräusche von Vögeln und Grillen und zuweilen bot die Wüste auch vollkommene Stille. Als bekennende Fränkin habe ich unser Zelt mit dem fränkischen Rechen drapiert und siehe da, es ließ nicht lange auf sich warten, bis am Nachbarzelt die Bayerische Löwe im Winde wehte.

Nach Bezug unserer Quartiere ging es zur Wettkampfbesprechung. Dazu blieben wir nicht im Camp, unser Wettkampfleiter hatte einen Platz auf den nahegelegenen Dünen ausgewählt. In stimmungsvoller Atmosphäre kurz vor Sonnenuntergang (ca. 17 Uhr) wurden wir mit den Einzelheiten des Ablaufs vertraut gemacht. Die Strecke umfasste 2 Runden (10km und 11km), die von den Halbmarathonläufern 1 mal und von den Marathonläufern 2 mal durchlaufen werden musste. Der Kurs war mit Fähnchen, ca. alle 100 bis 200 m wie sich herausstellen sollte, sehr gut ausgeschildert, alle 3 bis 4 km waren Wasser- und Verpflegungsstellen vorgesehen. Als Helfer fungierten alle, die nicht an den Wettkämpfen teilnahmen oder ihren Lauf schon beendet hatten. Unsere Reisegruppe umfasste 34 Teilnehmer, von denen 26 die verschiedene Distanzen (Marathon, Halbmarathon, 10km und 10km-Walking) bestritten. Neben uns Deutschen waren auch Österreicher und Schweizer vertreten. Ferner waren drei Engländer dabei, die sich schon länger im Oman aufhalten. Die angekündigten Omanis mussten leider absagen.

Am Morgen des Wettkampftags erschallte um 5 Uhr der strenge Weckruf des Rennleiters ‚Marathonläufer aufstehen‘ über das Camp. Nun sollte sich herausstellen, ob meine Vorbereitung ausreichte:  Sie bestand im Wesentlichen aus langen Läufen (bis 38km), teilweise bergig, soweit dies in Mittelfranken möglich ist. Als Vorbereitungswettkampf habe ich beim 30km-Wörtherseetrail mit 1400 Höhenmetern mitgemacht. Ich trug meine übliche Wettkampfkleidung mit ärmellosem Hemd, was ich mir aufgrund des Sonnenöls mit Schutzfaktor 50 leisten konnte. Dazu Sonnenbrille und weiße Schirmmütze. Einige meiner Mitstreiter hatten sich Gamaschen über die Schuhe gezogen, die das Eindringen von Sand verhindern sollten.

 

Um 7 Uhr wurde gestartet und die Wettkampfbedingungen waren optimal: Durch den Regen war der Sand verfestigt und man konnte sich gut abdrücken. Dies verschlechterte sich zwar mit zunehmender Sonneneinstrahlung, aber dafür spendeten uns ein paar Wolken am Himmel immer wieder Schatten. Der Tag sollte noch Temperaturen von 34 Grad im Schatten und ca. 50 Grad in der Sonne bringen.

Die Strecke verlief zunächst im Tal entlang, ging dann aber auch über Dünen und beinhaltete wenig Fahrpiste. Die Marathonläufer haben insgesamt etwa 400 Höhenmeter bewältigt.

Da die Strecke wenige Tage zuvor mit dem Jeep abgefahren wurde, konnte man zusätzlich zu den Markierungen auch der Jeepspur folgen.  In der Spur zu laufen erwies sich aber als ungünstig, denn dort war der Sand weich und aufgewühlt. Teilweise hatte der Jeep auf Dünenwellen tiefe Furchen gegraben und so war es besser zwischen den Radspuren oder daneben zu laufen.

Ich kam im Verlauf des Rennens gut zurecht und erreichte als erste Frau und Gesamtzweite nach 4 Stunden 21 Minuten das Ziel. Das Feld war beim Marathon mit insgesamt 10 Teilnehmern, davon 3 Frauen, gut überschaubar. Sieger wurde Dan Baldwin aus England mit einer Zeit von 3:28, als zweiter Mann kam Gerd Lackmann in 4:36 ins Ziel. Hartwig Briesemeister lief unter frenetischem Applaus als letzter ein. Er konnte sich verletzungsbedingt nur wenig vorbereiten, brachte aber den Marathonlauf trotzdem zu einem guten Ende. Auch bei den Halbmarathon- und 10km-Läufern kam jeder glücklich ins Ziel, genauso wie die beiden Walkerinnen.

Diese Reise hat in jeder Hinsicht meine Erwartungen erfüllt: Einerseits habe ich ein mir bisher unbekanntes Land gesehen und erfahren, und andererseits habe ich ein zweites Mal ein perfekt organisiertes Rennen in außergewöhnlicher Umgebung erleben dürfen: Wichart Hölscher organisiert seit vielen Jahren derartige Marathonreisen. Z. B. auch einen Dschungelmarathon in Myanmar und einen Marathon auf der chinesischen Mauer (www.greatwall-marathon.com), wo ich im Jahr zuvor mitgemacht habe.

 

Hölscher selbst ist ein erfahrener Läufer und Triathlet (mehrfacher Finisher des Hawai-Ironman, doppelter Ironman in Frankreich, mehrmalige Teilnahme beim Spartathlonlauf usw.) und hat sich zum ‚Wüstenfuchs‘ entwickelt:  Er hat mittlerweile 16 Wüsten (u.a. Wüste Lut, Death Valley) bereist und zahllose Wüstenläufe und Wüstenetappenläufe gemacht. Ich bin sicher, dass ihm noch weitere extravagante Laufreisen einfallen.

 

Copyright © Brigitte Bärnreuther

Fotos: Brigitte Bärnreuther und Elisabeth Fox

Weisendorf, den 19. November 2011