Laufen auf der Großen Mauer

 

Great Wall Marathon, Peking, 2010

Für den Sommer diesen Jahres hatten wir nach langer Zeit eine große Reise geplant. Der hatte zunächst gar nichts mit einem Marathon zu tun. Dennoch machte ich mich im Internet auf die Suche, ob nicht ‘zufällig’ ein Wettkampf im August/September in der Umgebung von Peking angeboten wird. Dabei stieß ich auf das Reiseangebot von Wichart Hölscher und seinem Team, dem ‘Great-Wall Marathon’. Dia die zusätzlichen Ausflüge für uns  zeitlich nicht passten, buchten wir dann doch eine Reise bei einem anderen Anbieter. Erst später stellte sich heraus, dass am Ende unserer Reise doch noch eine Teilnahme am Marathon möglich war.

Von da an begann ich mit der Erkundung von Internetberichten über den Lauf und mit der Trainingsplanung. Klar war, dass ich mich auf Bergtraining konzentrieren musste - und das in Mittelfranken!

Auf meiner Wettkampfliste stand u.a. ein Halbmarathon in Oberfranken (Selb) im Mai, darauf ein Halbmarathon in Oberstdorf und als Test der Alpinmarathon in Oberstaufen im Juli. Trainiert habe ich dazu im Fichtelgebirge (Ochsenkopf, Schneeberg) und in Staffelstein (Schloss Banz, Vierzehnheiligen, Staffelberg) und natürlich vor meiner Haustüre, wo ich viele Male die Hochstraße rauf und runter gejoggt bin.

Allein der Vorbereitungswettkampf in Oberstaufen war ein Erlebnis. 1700 Höhenmeter mit einigen Kletterpassagen waren zu bewältigen, die Mitte der Strecke lag auf dem höchsten Punkt, dem Hochgrat. Nach 5 ½ Stunden war ich als achte von zwanzig Frauen im Ziel.

Am 25. August war es dann so weit: Abflug mit Mann Werner und Sohn Max nach Shanghai.

Wir hatten gar nicht erst versucht, uns vorher Sprachkenntnisse anzueignen. Die Sprachlogik mit ca. 6000 verschiedenen Schriftzeichen und einer Aussprache, wo der Inhalt der Aussage von der Tonhöhe abhängt, war zu schwer.

Wir verbrachten einige Tage in der westlich ausgerichteten Finanzmetropole Shanghai, reisten und übernachteten in einem Wasserdorf, das nur per Boot zu erreichen war und hatten einige interessante Tage in Hangzhou, das an einem See liegt und mir auf der ganzen Reise die einzige Trainingsmöglichkeit am Seeufer bot. Dann ging es per Flugzeug in die alte Kaiserstadt Xian mit der weltberühmten Terrakotta-Armee und von dort aus mit dem Nachtzug nach Peking.

normaler und abgebundener Fuß

Von allen Besichtigungen war für mich als Läuferin eine Einführung in das Füßeverbinden bei den Frauen am unverständlichsten: Frauen mit kleinen Füßen galten viele Jahrhunderte lang ‘sexy’ und hatten nur so Chancen gut verheiratet zu werden. Also brach man den Mädchen im Alter von 5 bis 6 Jahren die Füße und verband diese dauerhaft so straff mit Bandagen, dass sie nur noch wenig wuchsen. Das ‘Optimum’ dieser Quälerei war erreicht, wenn die Frauen ‘3-Inch-Schuhe’ (= Schuhe mit 7,5 cm Länge!) tragen konnten. Ich will gar nicht wissen, wie viel Schmerzen ihnen allein das Gehen bereitet hat!

Der erste Tag in Peking wurde sehr ruhig gestaltet, weil tags darauf der Wettkampf anstand. Wir machten lediglich eine Stadtrundfahrt und sahen den Platz des Himmlischen Friedens, den Eingang zur Verbotenen Stadt und verschiedene Olympiagebäude (u.a. das ‘Vogelnest‘).

Platz des himmlischen Friedens

Bei der Wettkampfbesprechung am Abend wurden die Streckenführung, der Zeitplan und die Organisation erläutert und mittlerweile stellte sich bei mir auch die Nervosität ein.

Die Strecke verläuft in Form eines Ypsilons: vom Mittelpunkt aus läuft man jeweils drei Strahlen hin- und zurück. 10-Kilometerläufer einmal, Halbmarathonläufer zweimal und Marathonläufer viermal. Beim Halbmarathon und Marathon kommen noch kurze Teilstrecken dazu, damit die Distanz stimmt.

Die Marathon-Frauenteilnehmerliste zeigte insgesamt 10 Teilnehmerinnen, wovon 5 Chinesinnen waren. Bei den Männern waren es 30 Marathonteilnehmer und insgesamt 80 Läuferinnen und Läufer.

Einige Fakten zur Mauer: sie wurde als Verteidungsschutz vor Eindringlingen aus dem Norden gebaut. Insgesamt ist  sie ca. 6600 km lang und teilweise wiederhergestellt. Die Laufstrecke ist in überwiegend gutem Zustand, verfallene und zerstörte Stufen kommen aber auch vor. Die Marathonläufer müssen 18337 Stufen und 1558 Höhenmeter überwinden. Die exakten Zahlen hat der Veranstalter aber erst nach dem Lauf verraten!

Am Wettkampftag war die Nacht um 4 Uhr 30 vorbei und man fuhr um 5 Uhr 30 ca. 1 ½ Stunden zur Mauer. Zum ‘Warmwerden’ - es hatte um 7 Uhr bereits 21 Grad C - wanderte die Gruppe ca. 10 Minuten zum Start. Die chinesischen Teilnehmer trafen ‘just in time’ ein und der Lauf wurde kurz nach 9 Uhr gestartet.

Aufgrund der Streckenführung mit den 3 Wendepunkten begegnete man immer wieder Läufern, außerdem befanden sich zu der Zeit einige Besuchergruppen auf der Mauer, so dass es nie langweilig wurde. Wer sich die Muße nahm und kurz stehen blieb, konnte die grandiose Hügellandschaft auf sich wirken lassen, beim Laufen musste man allerdings zu Boden schauen und auf die Stufen achten.

Wie von mir erwartet, war die zweite Hälfte des Laufes sehr mühsam, aber Läufer wissen, dass sich bei solchen Anstrengungen meistens der Kopf durchsetzt. Somit kam ich nach 4 Stunden und 44 Minuten als dritte Frau und einzige Europäerin auf der Marathonstrecke ins Ziel. Als bekennende Fränkin hatte ich den fränkischen Rechen als Flagge dabei und konnte den Zieleinlauf damit zelebrieren.

Veranstalter: Wichart Hölscher

Die anschließende Siegerehrung auf der Mauer war vom Veranstalter sehr persönlich und nett organisiert und jeder Finisher erhielt unter tosendem Applaus der anderen Teilnehmer und Begleiter einen Pokal und eine offizielle, kunstvoll gestaltete Urkunde.

Fazit: Ein außergewöhnlicher Wettkampf in außergewöhnlicher Umgebung.

 

Copyright © Brigitte Bärnreuther  

Weisendorf, den 12. September 2010