Unterm Weihnachtsbaum

Heiligabend! Bescherung und Geschenke. Das gehört zusammen, wie Uli Hoeneß zum FC Bayern. Damit es aber das gewünschte Präsent gibt und keinen überflüssigen Ramsch, bedarf es einiger Anstrengungen.

Bald ist Weihnachten. Es sind die Wochen des Nieselregens. Die Morgen im dunklen Matsch sind für mich als Läufer die Hölle. Die Abende auch. Und erst die Wochenenden. Und alle Jahre wieder das gleiche Problem: Langsames Jogging durch den bunten Blätterwald ist angesagt. Es darf gerne auch einmal eine Einheit ausfallen und eine Zwischenmahlzeit in Form von Plätzchen und Gudrun´s Lebkuchen mehr sein. Schon sind die Probleme da. Weniger Laufen heißt weniger verbrennen. Der Rettungsring um den Bauch drückt gegen den Gürtel. Zwei Herzen schlagen in meiner Brust. Mein Gewissen befiehlt: „Du musst Tempotraining und Kilometer machen!“ Mein innerer Schweinehund säuselt mir ins Ohr: „Bleib doch liegen, du alter Sack. Schlaf´ noch `ne Runde. Draußen ist es windig und nass!“

Ein alter Läufertrick bietet sich hier an. Man sucht sich einen virtuellen Feind aus. Einen, den man so richtig hassen kann, zur Motivation. Meiner heißt Holger Meier. Ein Unsympath, der mir dauernd auf Wettkämpfen begegnet. Er schummelt mit seinen Bestzeiten, trainiert falsch, trinkt dauernd unnützes Zeug und hat eine unerträglich große Klappe. Ein widerlicher Angeber. Er hat immer als Erster den neuesten technischen Schnickschnack. Zum Beispiel hat Holger eine Polar RS800CX, den Porsche unter den Pulsuhren. Und ich nicht.

- Ich will auch eine. - Von Gudrun. - Zu Weihnachten.  

Gudrun ist stolz auf mich. In unserer Straße, in Jonas Schule, beim Bäcker, auf jeder Party erzählt sie, dass ich schon morgens um 5 Uhr durch die Gegend renne. Gudrun hört gern, wenn die Leute „Ist ja doll“ sagen. Sie ahnt noch nicht, dass ich ihren Stolz eiskalt ausnutzen werde. Ich weiß nur noch nicht wie.

Das Weihnachtsgeschenk ist bei uns eine Waffe für feinste psychologische Kriegsführung. Gudrun zum Beispiel will mir nicht unbedingt eine Freude machen, sondern sie will mich überraschen. Es geht nicht um mein, es geht um ihr Wohlbefinden. Ich darf nichts ahnen. Ich muss ein total verblüfftes Gesicht machen. Und dann muss ich mich freuen. Sonst ist Weihnachten gelaufen. Ihren geheimnistuerischen Überraschungstick kann man aber durchkreuzen. Wenn ich etwas auf gar keinen Fall haben möchte, muss ich es mir nur ausdrücklich wünschen. „Neue Socken, das wäre ein tolles Geschenk, eine echte Überraschung.“, so lautet die garantierte Anti-Socken-Formel. Oder: „Mein Deo ist fast leer. Das wäre doch klasse. Da freu ich mich total drauf.“ Gudrun wiederum besteht darauf, dass ich ihr genau das schenke, was sie bestellt. Dieses Jahr hat sie eine Kosmetikserie bestellt, die man nur in der Parfümerie Seifenzahn in Nürnberg bekommt. Natürlich in der Königstraße im Nobeleinkaufsviertel. Das Produkt stammt aus Frankreich, sein Preis aus Japan, und der Gewinn geht nach Amerika. Ich dagegen wünsche mir ein finnisches Produkt: Die Polar RS800CX.

Jeder Anfänger hat diese Wunderuhr zurzeit am Handgelenk. Erkennbar am kleinen schwarzen Sensor am Schuh. Nur ich trage den Trabi unter den Pulsuhren, ohne Sensor natürlich. Die RS800CX ist eine Sensation: Sie misst die Strecke, ebenso das Tempo und optimiert das Trainingsprogramm mit einer Software zur Trainingsanalyse. Man kann alle Daten mit dem Handy abrufen und das Ding auch noch für das Rennrad ausbauen. Kalorienzählen kann sie auch noch. Höhenmesser und GPS inklusive. Logisch. Es gibt also kaum etwas, was dieses Ding nicht kann. Nur laufen muss ich noch selbst. Allein kaufen kann ich mir die Uhr auf gar keinen Fall. Sie kostet 500 €uro und wäre für Gudrun die nächsten 20 Jahre das Totschlagargument bei jedem Paar Schuhe.

Wie kriege ich nun Gudrun dazu, mir diese Wunderuhr zu schenken? Äußere ich nun den Wunsch, kriege ich sie nie. Beauftrage ich Jonas, ihr unauffällig einen Tipp zu geben, weiß sie sofort Bescheid. Also vorsichtige Hinweise geben. Neulich habe ich nach dem Training angemerkt, dass meine Uhr spinnt. „Vielleicht die Batterie“, hat Gudrun gesagt. War sie wirklich desinteressiert? Oder hat sie sich nur nicht anmerken lassen wollen, dass ich sie auf eine Geschenkidee gebracht hatte? Ich weiß es einfach nicht. 25 Jahre dauert nun schon mein Studium der weiblichen Ausdrucksweise. Klar, inzwischen habe ich dazu gelernt. Beim Shoppen zum Beispiel: „Stell´ dich schon mal an!“, heißt im Klartext: „Heute zahlst Du!“ Oder heute erst wieder: „Ich bräuchte mal eine Margarine!“ bedeutet zu Deutsch: „Hol mir bitte ein Margarine aus dem Keller. Bei der Gelegenheit nimm bitte den Einkaufskorb mit und sortier ihn in das Vorratsregal ein. Vergesse aber bloß die Eier nicht!“ Vielleicht sollte ich mir doch noch Mario Barth´s Fremdwörterbuch Deutsch – Frau / Frau – Deutsch besorgen. Zum noch besseren Verständnis.

Nächster Hinweis: Seit zwei Wochen lasse ich die Runner´s World, meine Laufzeitschrift, auf dem Klo liegen, die Seite mit der Polar-Anzeige aufgeschlagen. Keine Reaktion. Gestern habe ich die RS800CX mit dicken Kulistrichen noch mal eingerahmt. Zur Sicherheit. Gudrun muss etwas gemerkt haben. Andererseits: Bestimmte Anzeigen werden von Frauen einfach übersehen.  Nicht mal mit Absicht, sondern einfach so. Es ist ein genetischer Defekt: Frauen können Pulsuhr-Anzeigen einfach nicht sehen. Ein echtes Argument pro Gentechnik.

 Zum Glück gibt es bei Frauen einen zweiten genetischen Defekt, der noch stärker ist, der Clooney-Effekt. Die Firma Polar würde umgehend ihren Absatz von Pulsuhren verdoppeln, wenn sie über ihre Anzeigen schriebe: „Die wünscht sich George Clooney zu Weihnachten.“ Sieht man ja in der Werbung. Wenn irgendwo „Clooney“ drauf steht, reagieren alle Frauen, sogar auf Pulsuhr-Anzeigen. Sie stehen auf diesen Halbaffen, auch wenn er so aussieht, als habe er Haare auf dem Rücken. „Mit einer RS800CX holen sie sich ein bisschen Clooney-Feeling nach Hause“, oder so ähnlich. Ich färbe mir die Schläfen grau und klebe mir ein paar Haarbüschel auf den Rücken, wenn es Gudrun dabei hilft, eine RS800CX zu kaufen. Warum nicht?

„Was wünscht du dir eigentlich zu Weihnachten?“, hat Gudrun neulich ganz unauffällig gefragt. „Eine neue Krawatte wäre nicht schlecht“, habe ich gesagt, „oder ein schönes Buch. Fürs Laufen habe ich ja schon alles. Da kannst du mich nicht mehr überraschen.“ Sie lächelte fein. Ich bin ja so ein Fuchs. Es hat geklappt. Ich weiß, dass es geklappt hat.

Eine schöne Bescherung und viel Spaß beim Umtausch!

Run happy!  

Copyright © Jochen Brosig  

Röttenbach, den 13. Dezember 2008