Das Bieler Tagebuch 2006

Teil 5: Mai

Viele Wege führen nach Biel. Doch der Weg ist das Ziel. Und der Weg führt nach Biel. Bei mir führt der Weg über Würzburg. Also los, tanze Samba mit mir beim Würzburg-Marathon.

Jubel, Trubel, Heiterkeit beim Marathonfestival in Würzburg. Dieser Bildbericht von Thomas beim Marathon 2005 hat mich animiert selbst in Würzburg zu starten. Und ich kann Euch sagen das ist noch untertrieben. In Würzburg geht die Party ab! (Bildbericht von Thomas)
Der iWelt-Marathon-Würzburg ist meine vorletzter, großer Trainingsreiz für Biel. In 2 Wochen folgt noch unser Staffellauf durch die Fränk. Schweiz, wo ich 80 KM an einem Tag laufen will. Verteilt auf ca. 4 Etappen a 20 KM. Aber heute ist Würzburg und das heißt 2 Runden a 21,1 KM. Und wie Ihr mich alle inzwischen kennt, war der Marathon nicht nur zum mitjoggen gedacht. Erklärt mich für verrückt, aber ich hatte die fixe Idee so im Vorbeigehen eine neue persönliche Marathonbestzeit zu laufen. (also etwa 2:55 Std.) „So ein Idiot“, werden die meisten jetzt denken. „Ich bin froh unter 4 Std. / 3:30 Std. zu laufen. Und dann kommt dieser Angeber daher und will im Vorbeigehen vor einem 100 KM-Lauf einfach so mal ganz locker unter 3 Std. Joggen. Fatzke!“
Ja, Ihr habt doch so Recht! Ich kann Euch aber beruhigen, ich sehe gerne durch die rosarote Brille. Meine letzte, große, rosarote Idee kam mir in unserem Trainingslager in Kärnten. Die Idee war so genial, so einfach……. so doof! Nachdem das Trainingslager so gut verlaufen war, fühlte ich mich hervorragend. Trotz 200 KM und 4200 Höhenmeter. Die fixe Idee (ja, ich war wohl auf Dope) war die: 3 Tage später beim HM in Scheßlitz Bestzeit zu laufen, eine Woche später in Happurg auf 10 Km eine Bestzeit nachlegen und wieder eine Woche später mit einer neuen Marathon-Bestzeit in den Läuferolymp aufzusteigen. „Schön, wenn es noch Leute gibt die Träume haben!“, werdet Ihr jetzt zu denken. „Ruft die Sani an, holt die Feuerwehr oder besser gleich die Männer mit der Zwangsjacke!“ Natürlich gab es weder in Scheßlitz, noch in Happurg eine Bestzeit. Die Phase der Superkompensation war noch nicht abgeschlossen. Aber heute blase ich zum Angriff!
Zu dritt fahren wir in aller Frühe nach Würzburg. Es regnet und die Temperatur ist noch angenehm. Manfred läuft den Halbmarathon, Ralf und ich starten beim Marathon. Wir sinnieren noch übers Wetter, tauschen Läuferlatein aus. Wie sagt noch Achim Achilles: „Läufer sind wie Sportangler. Sie verbringen nur wenige Stunden die Woche mit ihrem Hobby. Aber dann quatschen sie endlos darüber.“ So vergeht die Fahrt wieder schnell. Das Abholen der Startunterlagen klappt reibungslos. Jetzt heißt es die letzten Vorbereitungen treffen. Ein bisschen Dehnen (ROSA B.) oder Füße mit Vaseline eincremen. Die Brustwarzen abkleben und vielleicht doch noch das lange Shirt gegen das kurze austauschen. Bei mir ist es meistens das Schuhebinden. Jeder hat da so seine eigenen Rituale. Aber schließlich ist der Kleidersack abgegeben und die übliche Nervosität schleicht sich ein. Vor dem Marathonzelt treffen wir dann noch Erwin. Er hat wieder eine Truppe um sich versammelt. Dieses Mal sind Anne, Susanne und Stefan dabei. Das ist auch das Schöne am Team Bittel, man trifft immer wieder alte Bekannte. Doch es wird Zeit, dass wir uns auf den Weg in den Startblock machen. Da trennen sich heute unsere Wege. Ich will nach vorne, Erwin nach hinten. Zufällig reihe ich mich hinter den 3 Std.-Zugläufer ein. Prima, er macht mir den Weg frei bis ganz nach vorne. Ich bleibe aber hinter ihm, um nicht in Versuchung zu kommen den ersten Kilometer zu schnell anzulaufen. Gleich geht es los! Ich konzentriere mich! Meine Vorbereitung war optimal, ich fühle mich sehr gut, das Wetter passt auch.
Wir starten pünktlich. Manfred habe ich in der Menge verloren. Wir wollten ein Stück zusammen laufen. Auf dem ersten Kilometer ist es noch dicht. Ein riesiges Gedränge. Doch schon bald habe ich genügend Platz, um mein Tempo ungestört zu laufen. Im Getümmel sehe ich viele bekannte Gesichter. Aus Neuhaus, Burghaslach und Roth. Robert Wimmer, seines Zeichens Transeuropaläufer, macht heute den 3:10 Std.-Zugläufer. Das hatte ich am Start noch gehört. Vielleicht sehen wir uns noch im Gegenverkehr. Die Strecke ist abwechslungsreich. Es wird also nicht langweilig. Die Zuschauer und die zahlreichen Bands sorgen für Stimmung unterwegs. Zwischen den üblichen „Du schaffst es!“, „Quäl Dich!“ und „Papa, Du bist der Größte!“-Schildern gefällt mir eins in der Innenstadt besonders gut: „Beeil Dich Papa, Mama will nach Hause!“ Passt auch zum Muttertag gut. Richtig, heute ist Muttertag! Ich stelle mir in Gedanken vor, wie der Vater vorbei kommt, das Schild sieht, er sich an die Liebe zu seiner Frau erinnert und ihr liebevoll zuhaucht: „Geh´ schon mal vor und hol´ mir ein Bier aus dem Keller!“ Ein uriger Typ eben der Baba, ein richtiger fränkischer Äboritschienell. Grins. Ich will mir die Story noch weiter ausmalen, da bin ich schon aus der Innenstadt raus. Das Rufen wird lauter, wir kommen zum Start/Ziel-Bereich. Also rechts halten Jochen. Die linke Spur ist für die Halben. Doch auf einem Bein steht man schlecht. Los weiter!

Bei mir läuft es nach wie vor hervorragend. Die Atmung ist flach, die Zwischenzeit o.k. Für 30 KM hatte ich 2 Std. angepeilt. Nach 2 Std. 2 Min. laufe ich vorbei. Prima, passt doch! Ich bin immer noch am Überholen, obwohl ich jetzt langsamer werde. Es wird warm. Ab und zu zeigt sich die Sonne. Jetzt heißt es kämpfen. Dafür habe ich bei jedem Marathon meinen eigenen Soundtrack. Dieses Mal sind es die Stones:  

Baby break it down, baby break it down.

We´ve got a long way to go.  

Meine Beine werden schwer.

Baby break it down, baby break it down.

We´ve got a long way to go.  

Die Waden zwicken.

Baby break it down, baby break it down.

We´ve got a long way to go.

 

Bei KM 35 kann mir schon fast nichts mehr passieren. Ich fange das Rechnen an, das lenkt mich immer ab. Der Countdown beginnt. Bei KM 40 erschrecke ich die Zuschauer und einen Läufer neben mir mit meinem Urschrei. JAAAAAAAAA!!!!!! Bei KM 41 flippe ich total aus und setze zum lang gezogenen Endspurt an. Manfred steht an der Strecke und feuert mich an. Die letzte Kurve, ich gleite auf einer Welle ins Ziel.

Run and have fun!  

Jochen Brosig

Röttenbach, den 14. Mai 2006

Das ist die perfekte Welle,
das ist der perfekte Tag,
laß dich einfach von ihr tragen, Lyric
denk am besten gar nicht nach.

Dresden, Nürnberg, München. Beim dritten Anlauf habe ich es geschafft 2:55.

Einfach Wahnsinn!